Natur- und Landschaftsfotografie - Felix Wesch

Wischer, Wackler und sonstige Schlechtwetteraktivitäten

Zwar hat jetzt der Frühling auf dem Papier schon angefangen, allerdings schützt das - wie man momentan überdeutlich spüren kann - nicht davor, dass die Schlechtvegetationsstand-Schlechtwetter-Schlechtlicht-Durststrecke, die sich ja häufig vom Spätherbst bis in den Frühling zieht, in die Verlängerung geht.

Und gerade wenn das Licht mal wieder rein Garnichts kann und draußen statt Frühlingsbunt die totale Ödnis herrscht, dann kann das Fotografieren der Natur ein eher frustrierendes Erlebnis sein.

Glücklicherweise gibt's ja ein paar Möglichkeiten der Ödnis noch etwas Schönes, oder zumindest nicht Alltägliches abzugewinnen. Die Überschrift verrät die Richtung: Es geht um Wischer, Wackler und (Pseudo)Doppelbelichtungen. Mit ein bisschen Ausdauer ist es durchaus möglich, auch der größten Ödnis noch etwas Spannung zu entlocken.

Wischer und Wackler

Wenn man's etwas böse beschreiben will, könnte man sagen, dass das eine "billige" Methode ist, um aus langweiligen Motiven und/oder Aufnahmesituationen etwas künstlerisch wertvoll wirkendes zu machen. Das Prinzip ist recht einfach, durch Bewegung der Kamera während der Aufnahme sorgt man dafür, dass das Motiv verfremdet wird.

Wischer

Die einfachste Wischmethode ist die, bei der man in genau eine Richtung wischt. Meistens wird dabei die Kamera während der Belichtung von oben nach unten (oder andersrum) "gekippt". Für erste Experimente in diese Richtung bietet sich dabei z.B. ein einigermaßen aufgeräumter Wald an.

Das Vorgehen ist dabei wirklich einfach. Für den Anfang bietet sich eine Belichtungszeit zwischen ca. 1/15 und einer Sekunde an. Danach brauchts dann an sich nur noch die Kippbewegung während der Aufnahme. Bei kürzeren Belichtungszeiten macht man das am Besten freihand. Bei längeren Belichtungszeiten kann man für eine geradere Bewegung auch ein Stativ verwenden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass kurze Belichtungszeiten dafür sorgen, dass mehr von der Struktur (z.B. der Baumstämme) im Bild sichtbar bleibt, bei längeren Belichtungszeiten wird's abstrakter.

Dank der Digitalfotografie ist es ja glücklicherweise auch kein großes Problem mehr, die Ergebnisse gleich mehr oder weniger live zu überprüfen. Es bietet sich also an einfach viel auszuprobieren.

Das Beispiel rechts oben ist an einem eher trüben Tag im Wald entstanden. Das Grün am "Boden" kommt von den Blättern der Heidelbeerpflanzen. Die Belichtungszeit lag bei dem Beispiel bei 1/5 Sekunde, die Brennweite bei 72mm (122mm KB äquiv.).

Vielleicht noch interessant zu wissen: Je weitwinkliger man die Wischer macht, desto anfälliger werden sie stürzenden Linien gegenüber. Wenn man also z.B. direkt vor den Baumstämmen steht und dann einen Wischer mit viel Weitwinkel macht, werden die Bäume zum Rand hin auf dem Foto recht gebogen rüberkommen. Hier ein Beispiel dafür: Klick mich an! Das kann zwar auch ganz gut wirken, ich find's aber oft eher störend.

Schiefe Wischer

Allerdings muss man ja nicht immer vertikal Wischen. Manchmal bietet sich auch eine etwas schiefere Richtung an. Das kann z.B. dann sinnvoll sein, wenn das Motiv keine eindeutig vorherrschende Hauptrichtung besitzt (wie z.B. ein geordneter Buchenwald mit seinen fast immer nur gerade wachsenden Stämmen). Eines meiner Lieblingsfotos (rechts) ist so ein schiefer Wischer.

Das Foto zeigt von einer blühenden Wiese umgebene Olivenbäume. Das Foto ist tagsüber bei einem Ausflug in Südfrankreich entstanden. In der Situation war ich dankbar dafür, dass die Sonne nicht knallig vom Himmel schien, sondern von einer recht dicken Wolkendecke verhüllt war. Ich habe in dem Fall neben geraden Wischern und Wacklern auch ein paar schiefe Wischer probiert. Der Grund für die gewählte Wischrichtung war hier die Wuchsrichtung des Baumes links im Hintergrund und des dicken Astes das großen Baumes im Vordergrund.

Die wichtigsten technischen Daten bei dem Foto sind eine Belichtungszeit von 1/15s bei einer Brennweite von 40mm (64mm KB äquiv.).

Wackler

Unter Wacklern verstehe ich Fotos, die während der Aufnahme aktiv in mehr als eine Richtung verwackelt wurden. Also wirklich extra verwackelt. Nicht nur das Schönreden von technisch misslungenen Fotos, sondern aktives Eingreifen ins Ergebnis durch bewusstes (wenn auch nicht unbedingt perfekt planbares) Rumgewackle während der Aufnahme.

Nachdem ich vorher angedeutet habe, dass sich für Wischer und schiefen Wischer hauptsächlich Motive eignen, die eine vorherrschende Richtung im Motiv haben, halte ich Wackler meistens dann für angebracht, wenn es auf dem Motiv schon eher leicht chaotisch zugeht.

Das soll allerdings nicht bedeuten, dass man nicht zwischen den verschiedenen Methoden und Motiven nach Lust und Laune durchwechseln kann und trotzdem spannende Ergebnisse erzielt.

Gar nicht so einfach wie man sich's vielleicht vorstellt, ist das Finden einer zielführenden Wackelmethode. Man darf dabei keine zu großen Bewegungen machen, sonst schaut's danach meistens einfach nur schrottig aus. Für mich haben sich bisher folgende zwei Methoden bewährt:
  1. Versuchen mit der Kamera Kreise oder kreisförmige Gebilde mit möglichst kleinem Durchmesser während der Belichtungszeit zu beschreiben.
  2. Hochfrequentes, komplett zufälliges "Gezitter" während dem Auslösen.
Bei beiden Methoden kann es sinnvoll sein den Serienbildmodus zu verwenden. Wirklich planbar sind die Ergebnisse ja sowieso nicht, also wozu immer nur ein Bild machen, wenn man auch mehrere hintereinander machen kann... ;)

Das Foto rechts ist mit der ersten Methode entstanden, das Foto oben links mit der zweiten. Zu den Aufnahmedaten der beiden Fotos: Beim Foto links oben lag die Belichtungszeit bei 1/13s, die Brennweite bei 57mm (97mm KB äquiv.). Beim anderen Foto habe ich eine Sekunde bei einer Brennweite von 51mm (87mm KB äquiv.) belichtet.

Wisch- und Wackelzusammenfassung

Bei all der Theorie sollte man nicht vergessen, dass gerade in dem Bereich Experimente das richtige Mittel zur Wahl sind. Genauso wenig sollte man allerdings vergessen, dass man sich gerade an solchen Fotos auch schnell sattsehen kann. Für mich ist's aber eine gute Methode, um so mancher Tristesse doch noch ein paar Fotos zu entlocken. A propos Tristesse: Auch wenn das Licht für solche Fotos vielleicht nicht ganz so wichtig ist wie für "konservative" Landschaftsfotos, auch in dem Gebiet entstehen oft die besseren Ergebnisse bei gutem Licht. Stellt sich halt die Frage, ob man bei wirkliche gutem Licht Energie für Fotos dieser Art aufwenden kann oder will?

Pseudodoppelbelichtungen

Doppelbelichtungen sind sicher allgemein bekannt. Dabei legt man zwei Fotos übereinander. Manche Kameras bieten dieses Feature intern an, auch mit mehr als zwei Belichtungen hintereinander (das nennt man dann Mehrfachbelichtung). Meine Kameras waren allerdings bisher nicht mit diesem Feature gesegnet. Macht doch nichts, dachte ich mir dann irgendwann. Wieso nicht einfach das Ganze mit einer Belichtung simulieren? Daher auch der Name Pseudodoppelbelichtung.

Ich habe den Eindruck, dass Doppelbelichtungen meistens genutzt werden um vom gleichen Motiv eine scharfe und eine unscharfe Version zu machen. Durch die Überlagerung entsteht dann eine verträumt wirkende Version des Motivs. Und genau die Art Doppelbelichtung lässt sich einigermaßen einfach auch ohne Möglichkeit zur kamerainternen Doppelbelichtung realisieren. Und vor allem auch ohne den Effekt hinterher mit dem Bildbearbeitungsprogramm nachmachen zu müssen (das kann ja jeder...).

Wie das funktioniert? Eigentlich ganz einfach: Man wählt die Belichtungszeit beim Aufnehmen so, dass man während dieser Zeit zwei (oder sogar mehr?) "Belichtungen" machen - oder vielleicht besser: simulieren - kann. Im Endeffekt muss man während der Belichtung nur den Fokusring des Objektivs von scharf auf unscharf drehen. Wenn man das probiert, wird man allerdings vermutlich schnell bemerken, dass es dabei zwei Probleme gibt:
  • ein "Zoomeffekt" zerstört den gewünschten träumerischen Effekt
  • man hat oft verdammt wenig Zeit um von scharf auf unscharf zu stellen
Natürlich gibt's für beide Probleme recht einfache Lösungen:

Diesen "Zoomeffekt" (eigentlich ist es ja kein richtiger Zoomeffekt, die Brennweite wird schließlich nicht verändert. Allerdings gibt es einen Effekt, der, je nach verwendeter Brennweite und Abstand zum Motiv, ähnlich störend wirkt) kann man eliminieren, indem man während des Scharf-auf-unscharf-stellen-Vorgangs irgendetwas vor das Objektiv hält (z.B. die Hand), sozusagen diese kritische Phase der Belichtung einfach unsichtbar macht. Die Belichtungszeit muss man dann unter Umständen etwas via Belichtungskorrektur anpassen um die Dunkelphase auszugleichen. Man könnte den "Zoomeffekt" natürlich auch bewusst einsetzen, allerdings habe ich bisher kein Motiv gefunden, bei dem mir das wirklich gefallen hat.

Mehr Zeit für den Vorgang der Fokusänderung bekommt man, wenn man entweder weit abblendet (das reicht allerdings in vielen Fällen nicht ganz aus) oder wenn man einen Graufilter vor das Objektiv schraubt (das reicht dann meistens oder ist mit Pech, wenn der Graufilter zu stark ist, schon wieder zu viel des Guten...).

Beim Beispielfoto oben rechts habe ich eine Belichtungszeit von vier Sekunden bei einer Brennweite von 55mm (94mm KB äquiv.) verwendet. Die Blende lag, um diese Belichtungszeit zu erreichen, bei f14 (grenzwertig, aber noch vertretbar). Für die Aufnahme habe ich ein Stativ verwendet, Graufilter war keiner in Verwendung. Ich hab probiert den beiden "Aufnahmen" von der Belichtungszeit her in etwa die gleiche Aufmerksamkeit zu widmen. Also erst ca. 2 Sekunden der scharfen Version, dann während des Drehvorgangs für die Unscharfstellung ganz kurz die Hand davorgehalten, danach dann die Hand wieder weggezogen und die restlichen ca. 2 Sekunden komplett unscharf belichtet. Von dem Motiv habe ich auf die Art 14 Aufnahmen gemacht, die beste Version (also das Beispielfoto hier) war die fünfte Aufnahme.

Noch ein Nachtrag: Doppelbelichtungswischwackelexperimente

Nachdem ich jetzt seit kurzem eine Kamera besitze, die eine interne Doppelbelichtung zulässt (das Zusammenbasteln hinter her am PC fand ich irgendwie schon immer eher zu "einfach" bzw. "billig"), habe ich vor kurzem im Wald mal ausprobiert was sich damit so machen lässt in Sachen Wischen, Wackeln und Kombinationen davon. Dabei bin ich zum Schluss gekommen, dass sich da durchaus interessante Dinge anstellen lassen. Sogar interessanter als die Zusammenfassung dieses Artikels vermuten lassen würde... ;)

Da wäre z.B. die Möglichkeit einen typischen Waldwischer aus zwei verschiedenen Lichtsituationen zu kombinieren. Zum Beispiel einmal in Richtung Sonnenaufgang und einem in die Gegenrichtung. Bei meinem Versuch (siehe das Foto direkt links) ergab sich daraus eine Kombination aus von der Sonne angeleuchteten und im Schatten stehenden Baumstämmen. Ich könnte mir vorstellen, dass sich bei weiteren Experimenten in die Richtung durchaus interessante Kombinationen ergeben können.

Außerdem habe ich eine Mischung aus Wischer und Wackler probiert. In dem Fall sind beide Fotos in die gleiche Richtung aufgenommen (übrigens an der selben Stelle wie das vorherige Beispiel mit der Wischerkombination). Durch das vertikale Wischen kommt durch die Baumstämme die angenehme Ruhe ins Bild, die bei rein gewackelten Fotos meiner Meinung nach oft fehlt. Der gewackelte Part dagegen bringt die Abwechslung ins Foto, die auf reinen Waldwischern oft fehlt. Beim Beispiel rechts hatte ich aber zusätzlich das Glück, dass ich wirklich winzige Kringel hinbekommen habe, mit größeren Kringeln sah's nicht mehr ganz so überzeugend aus.

Jedenfalls, wer ein Faible für solche experimentelle Fotos hat und zusätzlich noch das Glück hat, eine der - inzwischen übrigens immer mehr werdenden - Kameras zu besitzen, die Doppelbelichtungen zu lassen, der sollte sich absolut mal daran ausprobieren. Macht Spaß!

Zusammenfassung

Das sind absolut zwei gute Möglichkeiten um aus wenig viel (oder zumindest mehr) zu machen. Nicht nur die jetzt beschriebenen Varianten sondern auch Abwandlungen davon. Irgendwie kann ich mich jedes Mal, wenn ich sowas mache, nicht dagegen wehren ein leichtes Unwohlsein der Effekthascherei wegen in mir zu spüren. Und wie ich schon geschrieben habe, zumindest ich sehe mich an dieser Art von Fotos recht schnell satt. Allerdings habe ich dieses Gefühl allgemein bei Fotos, die mehr vom Effekt als von der wirklich perfekt umgesetzten ("konservativen") Aufnahmesituation leben. Man könnte es aber auch anders sehen, in manchen Situationen ist vielleicht gerade so eine Effekthascherei das Mittel der Wahl? Und Spaß macht es auf jeden Fall, also einfach mal ausprobieren. Oder auf bessere Zeiten hoffen...

26. März 2013

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