Natur- und Landschaftsfotografie - Felix Wesch

Warum der Sonnenuntergang böse...

... und der Sonnenaufgang das nicht ist.

Gleich zu Beginn: Der gesamte Artikel hier bezieht sich "nur" auf meine ganz persönlichen Fotografieerfahrungen in der Lobau in Wien...

Zumindest in der Landschaftsfotografie ist das natürliche Licht ja so ziemlich das Wichtigste überhaupt. Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen ist die Zeit vor und nach Sonnenaufgang bzw. vor und nach Sonnenuntergang eindeutig am Besten für schöne Fotos geeignet. Neben dem Licht aber gibt es noch einige andere Faktoren, die ein annehmbares von einem richtig guten Foto unterscheiden bzw. dazu beitragen können, dass eher ein richtig gutes als ein nur annehmbares Foto entsteht.

So hat zum einen natürlich das Wetter einen ziemlich großen Einfluss auf das, was der Sonnenauf- bzw. untergang wirklich bietet bzw. bieten kann. Ohne die richtige Bewölkung (oder manchmal sogar besser, die fehlende Bewölkung), den über Nacht eingeschlafenen Wind und den unter Umständen dadurch entstehenden Nebel wären viele Fotos garnicht möglich oder zumindest nicht das, was man gerne gehabt hätte.

Zum anderen gibt es dann auch noch Dinge, die man hinterher auf den Fotos zwar nicht direkt sehen kann, die aber bei der Entstehung derselbigen fast noch wichtiger gewesen sind als die vorher aufgezählten und direkt sichtbaren Faktoren. Dazu gehören dann vor allem Sachen wie "ungewollte Ablenkungen" vor Ort...


Sonnenaufgang

Das, also die "ungewollte Ablenkung" vor Ort, ist auch ein guter Startpunkt für einen kurzen Vergleich zwischen den Uhrzeiten zu denen die Sonne auf- bzw. untergeht. Der Faktor "ungewollte Ablenkung" betrifft, zumindest bei mir, meistens irgendwelche Leute die durch die Landschaft laufend für Unruhe sorgen, die mit ihren Fahrrädern dasselbe tun oder, ganz schlimm, zumindest für mich, noch die Landschaft vollbellende Hunde mit sich führen.

Zum Start bietet sich unter anderem deshalb ein kurzer Blick auf die typischen Sonnenauf- und untergangszeiten in der Lobau (auf die sich dieser doch recht subjektive Artikel hier bezieht) an:

DatumSonnenaufgangSonnenuntergang
1. Januar 200807:4416:10
1. März 200806:3417:39
1. Mai 200805:3520:07
1. Juli 200804:5820:57
1. September 200806:1219:35
1. November 200806:3916:35

Man muss wohl kein Hellseher sein um zu erkennen, wann zumindest theoretisch, die Wahrscheinlichkeit geringer ausfällt in der Lobau auf irgendwelche Störfaktoren namens Mensch zu treffen: am Besten sind da eindeutig die Früh- bis Spätsommermorgen geeignet. Im krassen Gegensatz dazu stehen, und damit sind sie auch eindeutig am schlimmsten, alle (ja, wirklich alle) Sonnenuntergänge (dagegen ist ein Besuch im Wiener Prater am 1. Mai fast noch eine Wohltat, da hätte man ja sowieso nichts anderes erwartet). Wobei zumindest im Hochsommer die Wahrscheinlichkeit größer ausfällt, dass die Menschenmassen kleiner ausfallen (je später der Sonnenuntergang, desto besser...).

Nicht ganz so schlimm, aber trotzdem nicht ganz perfekt, sind die Sonnenaufgänge außerhalb der Zeit zwischen Früh- und Spätsommer. Da sind zwar auch einige Leute unterwegs, aber meistens sind es nur solche, die mal kurz durch die Landschaft joggen oder schnell noch einen längere Runde mit ihrem Hund einen ungeeigneten Platz zum Gassi gehen aufsuchen wollten.

Das ist jetzt vielleicht noch kein wirklicher Grund dafür, den Sonnenaufgang im Allgemeinen besser zu finden als den Sonnenuntergang. Zumindest nicht dann, wenn man sich beim Fotografieren damit abfinden kann öfters irgendwelche Leute im Sucher zu sehen die man lieber nicht sehen würde, oder noch schlimmer, vielleicht sogar von ihnen angesprochen zu werden... Ich für meinen Teil finde das schrecklich und total stimmungstötend. Aber...


Sonnenuntergang

... es gibt da ja, wie schon angesprochen, auch noch andere Faktoren (und außerdem sind Geschmäcker wohl wirklich sowieso verschieden. Ich hab bemerkt, dass es wohl sogar Leute gibt, die das Fotografieren benutzen um soziale Kontakte zu knüpfen? Wow!). Jetzt sind es dann jedenfalls wieder die Faktoren, die direkt in den Ergebnissen sichtbar sind. Wenn man z.B. mal kurz überlegt wann denn so hübsche flache Nebelfelder am ehesten entstehen, dann wird man schnell zum Schluss kommen, dass das am häufigsten bei Sonnenaufgang nach einer wolkenlosen, windstillen Nacht der Fall sein wird. Ich muss zwar jetzt zugeben, dass die Sonnenaufgang-Sonnenuntergangs-Verteilung bei meinem Fotografierverhalten in der Lobau zwischen Sonnenaufgang und -untergang ganz sicher nicht gleichmäßig und damit repräsentativ verteilt ist, allerdings traue ich mir einfach mal zu, zu behaupten, dass bei Sonnenuntergang solche Nebelfelder mehr oder weniger nie zu sehen sein werden. Ein eindeutiges Pro für den Sonnenaufgang also, und nicht das erste Pro, für mich, wohlgemerkt.

Und zum Schluss gibt es noch einen psychisch, und damit wahrscheinlich ziemlich persönlich, bedingten Faktor für das Bevorzugen des Sonnenaufangs beim Fotografieren. Der Sonnenaufgang ist einfach freundlicher. Sympathischer. Optimistischer. Heller. Schöner. Ja, ist er wirklich. Wenn man bei Sonnenuntergang zum Fotografieren fährt, dann fährt man zwar im Hellen los, aber man weiß im Moment der Abfahrt schon, dass die Rückfahrt im Dunkel der Nacht verlaufen wird. Bei Sonnenaufgang dagegen fährt man zwar im Dunkel, der glücklicherweise schon endenten Nacht los, dafür weiß man aber schon, dass man nach dem Fotografieren noch das gesamte Licht des Tages vor sich hat. Hört sich jetzt vielleicht komisch an, aber zumindest für mich hat das schon irgendwie eine Auswirkung die sich auch wirklich auf die Fotos auswirkt. Helligkeit ist einfach eine schöne Sache.

Zum wirklichen und endgültigen Schluss gibt es dann noch einen letzten Vorteil des Sonnenaufgangs... Wenn ich meine Natur- und Landschaftsfotos machen will, dann brauche ich ein Gefühl von Wildnis und Natürlichkeit (Freiheit!), schwer genug das überhaupt noch irgendwie zu erreichen in unseren Breiten. Aber es ist möglich, in der Lobau sowieso. Und dieses Gefühl kann durch die Begegnung mit Wildtieren durchaus gesteigert werden.

Meinen Erfahrungen nach ist die Wahrscheinlichkeit Hirsche, Wildschweine, Biber, Eisvögel, Silberreiher, Hasen, Füchse und andere Tiere zu sehen, am Morgen einfach um einiges höher als am Abend (zumindest was die Fahrt zum Fotografieren betrifft, bei der Rückfahrt sieht es dann genau andersrum aus, aber da bringt das Gefühl dann sowieso nicht mehr viel). Das liegt wohl wahrscheinlich einfach daran, dass die Nacht, zumindest menschlich gesehen, störungsfrei verlaufen ist und ich, als Mensch, am Morgen eine der ersten Störungen in dem Rest Natur darstelle. Abends sieht's dann eher genau andersrum aus, da wartet alles nur darauf, dass ich endlich abhaue...

8. November 2008

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