Natur- und Landschaftsfotografie - Felix Wesch

Enjoy the little things!

Als ich damals von Wien nach Marburg gezogen bin, dachte ich ja noch, dass ich mein damaliges Lieblingsfotogebiet, die Lobau, mit einem ähnlichen Gebiet ersetzen müsste. Vermutlich war ich getrieben vom Gedanken, dass meine Fotos weiterhin ähnliche Motive zeigen müssten. Ich hatte ja damals auf virtuellen Exkursionen in Google Earth und in den Tiefen des Internets sogar schon eine Gegend ausgewählt, die mein Lobauersatz werden sollte: Den Burgwald.

Nun, es zeigte sich, dass der Burgwald durchaus ein hübscher Fleck Erde ist. Die Naturschutzgebiete dort - und nicht nur die - sind wirklich einen und ganz sicher auch mehrere Ausflüge wert. Aber im Nachhinein bleibt mir trotzdem nur die Feststellung, dass die Idee, dort einen Ersatz für die Lobau zu finden, eine ziemliche Schnapsidee war... ;)

Woran das lag? Nun ja, es gibt dort weder weitläufige Wiesenlandschaften, noch gibt es große Wasserflächen und schon gar nicht gibt es den Orchideenreichtum der Lobau. Alles in allem also keine guten Voraussetzungen um einfach dort anzuknüpfen wo ich damals in Wien aufgehört habe. Probiert habe ich es trotzdem, funktioniert hat es natürlich nicht lange...

Das lag dann vor allem auch daran, dass so eine zwanzig Kilometer lange Radtour mit ein paar hundert Höhenmetern und dem Ziel vor Sonnenaufgang am Ort des Verlangens zu sein, schon einer recht großen Motivation bedürfen. Und nachdem die Landschaften vor Ort dann doch nicht ganz dem entsprachen, was ich eigentlich erhofft hatte, sank die Motivation mit der Zeit dann wohl unter die Grenze, die nötig gewesen wäre um damit weiterzumachen.

Das alles soll jetzt nicht heißen, dass der Burgwald für mich gestorben ist. Allerdings, und das werden aufmerksame Leser meines Blogs ja sowieso schon bemerkt haben, fallen die Besuche inzwischen doch deutlich seltener aus.

Was dann?

Nachdem mir klar war, dass die weitwinkligen Landschaften erstmal gestorben sind und die Ziele in Zukunft nicht mehr ganz so weit in der Ferne liegen sollten bzw. zumindest was die Höhenmeter betrifft einfacher ausfallen sollten, ging es mit der Erkundung der direkten Umgebung los.

Es ist ja schon interessant, wenn man erkennen muss, wie sehr die Realität von einer vorgefertigten Meinung doch abweichen kann. Auf meinen damaligen Erkundungstouren musste ich erkennen, dass sogar noch genutzte Baggerseen unter den richtigen Umständen fotogene Stellen haben, dass auch die Lahn nicht überall nach begradigtem Fluss aussieht, dass man auch in an sich orchideenarmen Gegenden noch ein paar dieser hübschen Pflanzen finden kann und dass auch in den hiesigen Wirtschaftswäldern viele hübsche Flecken zu finden sind.

Und wie finden?

Eine Kombination aus Büchern, Landkarten, Google Earth (oder ähnlichem) und Spaziergängen, Wanderungen oder Radtouren mit offenen Augen ist für den Start sicher eine gute Mischung. Die Erkundungstouren sollte man meiner Erfahrung nach am besten bei "schlechtem" Licht machen und die richtige Kameraausrüstung zu Hause lassen. Eine kleine Kompaktkamera bzw. die Smartphonekamera reichen um fotografische "Notizen" zu machen. Bei gutem Licht und mit der richtigen Kameraausrüstung ist man einfach viel zu abgelenkt. Wenn ich das früher schon gemacht hätte, wären mir sicher noch ein paar Motive in der Lobau in Wien aufgefallen, die für etwas mehr Abwechslung in meinen Fotos gesorgt hätten.

Die dann gefundenen Orte, zum Beispiel ein einigermaßen natürlich aussehender Fleck im Wald oder eine idyllisch bewachsene Uferstelle an einem Bach, Fluss oder See merkt man sich dann gut, markiert sie nach Möglichkeit auch direkt irgendwie in Google Earth (o.ä.). Danach spricht dann an sich nichts gegen einen ersten Fotoausflug bei perfekten Licht. Ob sich Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Nebel oder sonst eine Stimmung besonders anbieten, sollte man sich natürlich vorher überlegen. Aber, da der Ort vermutlich sowieso in der Nähe liegen wird, ist es ja einfach, viele Besuche bei verschiedenen Stimmungen durchzuführen. Irgendwann hat man dann das "perfekte" Foto, soweit es halt möglich ist.

Ich für mich habe in den wenigen Jahren, die ich jetzt hier in Marburg wohne, eine ganze Reihe von solchen Orten gefunden. Viele andere werden sich noch irgendwo vor mir verstecken. Aber auch wenn es für den ein oder anderen vielleicht langweilig ist, dass häufig die gleichen Motive fotografiert werden, die Stimmung ist doch jedes Mal eine andere. Wenn man damit klar kommt, spricht nichts gegen eine gute Zeit mit Motiven in der Nähe. Für mich haben sich mit der Zeit vor allem vier verschiedene Motivarten rauskristallisiert: Baggerseen, die Lahn, natürlich die Orchideen und die hiesigen Wälder.

Baggerseen

Bei Tageslicht und ohne Nebel halte ich Baggerseen ja für ziemlich unfotogen. Erst recht, wenn sie noch aktiv genutzt werden. Wenn dann allerdings die Seen dampfen, dichter Nebel über dem Wasser liegt und dann noch die Sonne aufgeht, kann auch ein eigentlich unfotogener Baggersee plötzlich seine ganze "Hässlichkeit" verlieren und zu einem Dorado für Naturfotos werden.

Hier in der Umgebung von Marburg hat es glücklicherweise gleich ein paar dieser Baggerseen. Praktischerweise liegt es in der Natur der Sache, dass diese Seen alle im Flachland liegen. Da fällt es dann auch deutlich leichter ein paar Kilometer mehr mit dem Rad zurückzulegen.

Dort Landschaftsfotos (in dem Sinne, wie ich sie mag, also ohne nicht-natürlich wirkende Komponenten) zu machen, fällt natürlich trotzdem nicht unbedingt leicht. Da muss dann wirklich alles passen, also gerade eine Nebelschwade ein paar Häuser oder Strommasten im Hintergrund verdecken oder eine Wolke vor Windrädern auf dem Hügel vorbeiziehen.

Wenn dann wieder einer der vielen Fälle eintritt, in denen das nicht klappt, gibt es glücklicherweise noch die Möglichkeit Wasservögel im Flug oder im Wasser zu fotografieren. Natürlich nach Möglichkeit nicht bildfüllend im Mittagslicht. Aber so ein paar Graugänse im dichten Nebel, Kormorane sitzend auf dem Rest eines toten Baumes im Wasser oder ein paar Schwäne, die bei Sonnenaufgang gerade in tiefer Höhe über dem Kopf vorbeifliegen, das macht dann doch auch Spaß. Ich warte aber ja eigentlich immer noch auf den Eisvogel, den ich in kleinem Abbildungsmaßstab auf einem Ast sitzend im Starkschneefall fotografieren kann, im Hintergrund soll natürlich noch die Landschaft durchschimmern... Wird noch passieren!

Lahn

Niemals hätte ich gedacht, dass gerade die Lahn, die hier ja an sich einfach nur ein weiterer dieser mehr oder weniger gezähmten Flüsse ist, eines meiner Lieblingsmotive überhaupt zustande bringen könnte. Und interessanterweise dies dann auch noch in einer Entfernung von nur knapp über einem Kilometer Luftlinie von zu Hause?

Im Zuge einer Ausgleichsmaßnahme für die Errichtung von Windrädern, wurde direkt hier im Tal bei mir unten ein Altarm "gebastelt". Natürlich ist das auch nur Natur aus zweiter Hand, aber so lange es auf den Fotos nach Natur aussieht, ist mir das an sich ziemlich egal. Es ist vor allem auch faszinierend zuzuschauen, wie dieses kleine Stück Natur sich im Laufe der Jahre wandelt.

Und dann gibt es da auch noch dort, wo die Ohm in die Lahn mündet ein "Auenentwicklungsgebiet Ohmmündung". Auch so eines dieser Kleinode, die auf den ersten Blick nicht sonderlich spannend wirken, aber dann vor Ort mehr hergeben, als man vorher gedacht hätte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es fast überall solche Stellen gibt. Auch in Großstädten, in denen man wirklich nicht damit rechnen würde...

Orchideen

Wie anfangs schon geschrieben, für ihren Orchideenreichtum ist diese Gegend hier nicht gerade bekannt. Schuld ist der recht verbreitete Mangel an Kalk. Naja, die Marburger Gegend ist halt einfach nicht wie Wien und seine Umgebung. Das war mir schon immer klar und nicht in allen Fällen ist das von Nachteil. Trotzdem gibt es auch hier in der Nähe Orchideen zu finden. Zwar eher Allerweltsorchideen wie zum Beispiel die Breitblättrige Stendelwurz oder die Vogel-Nestwurz, aber auch mit den Arten kann man Spaß haben. Und gerade weil sie nicht gerade mit ihren Reizen protzen, gibt man sich vielleicht etwas mehr Mühe beim Fotografieren.

Stellt sich noch die Frage, wie man diese Orchideen, die da direkt in der Nachbarschaft leben, denn finden soll? Da gibt es natürlich Bücher über Naturschutzgebiete, Tipps zu botanischen Wanderungen etc. Aber "meine" erste Orchidee hier in Marburg habe ich bei einem ganz "langweiligen" Spaziergang in den Wald entdeckt. Standen da doch direkt am Waldwegrand ein paar Breitblättrige Stendelwurzen rum...

Und als Bonus: Auch wenn ich als - zumindest großteils - Autoverweigerer meine Ziele am liebsten mit dem Fahrrad oder zu Fuß erreiche, mit Bahnunterstützung gibt es auch hier in der Umgebung Gebiete, die sich was den Orchideenreichtum betrifft nicht hinter Ostösterreich verstecken müssen. Nur die Pflanzen dann auch noch im richtigen Licht zu erwischen fällt natürlich etwas schwerer, zumindest wenn man nicht vor Ort übernachten will.

Wälder

Niemals hätte ich gedacht, dass das Fotografieren des Waldes wirklich Spaß machen könnte. Also nicht allgemein den Wald, sondern eher diese typischen mitteleuropäischen Nutzwälder. Aber genau wie sonst überall da draußen in der Welt der mitteleuropäischen Landschaften, gibt es auch in den Wäldern immer wieder ein paar Flecken, die mehr bieten als die typisch durchkultivierte Landschaft - auch abseits von Naturschutzgebieten, Nationalparks und Naturwaldreservaten.

Ich wage einfach mal zu behaupten, dass es in fast jedem Wald derartige Flecken gibt. Hier bei mir habe ich jedenfalls inzwischen einige gefunden. Natürlich, wie bei allen anderen Motiven auch, braucht es auch hier das richtige Licht und das richtige Wetter. Aber der riesige Vorteil an solchen Flecken Erde, die sich in nächster Umgebung des zu Hauses befinden, ist ja der, dass man mehr oder weniger spontan losziehen kann, wenn sich abzeichnet, dass die Bedingungen stimmen werden.

Also?

Auch wenn ich mir natürlich darüber im Klaren bin, dass die fernen Ziele absolut ihren Reiz haben. Auch wenn ich verstehen kann, dass es leichter ist mit solchen Motiven glücklich zu werden und immer wieder aufflammendes Fernweh damit deutlich leichter besiegt werden kann, denke ich doch, dass es eine wunderbare Sache ist, die eigene Umgebung fotografisch für sich (und auch andere) zu erkunden und mehr als nur typische Knipsbilder aus der zwar so bekannt wirkenden aber doch immer wieder fremden Umgebung herauszukitzeln.

Die Motive lauern überall und warten nur darauf entdeckt zu werden! Wichtig ist dabei natürlich, dass man zumindest ein gewisses Interesse für die Motive mitbringt. Das, was ich da oben beschrieben habe, ist das, was meine Augen zum Sehen bringt. Ohne dieses Interesse am Motiv wird's mit dem Sehen nicht funktionieren. Und ohne das Sehen wird's mit den Fotos nicht klappen. Aber wenn man sich darauf einlassen kann, fängt es plötzlich an richtig Spaß zu machen! Also auf, raus da!

Zum Schluss

Ich bin mir natürlich darüber bewusst, ich hier jetzt viel erzählen kann. Natürlich liegt es im Bereich des möglichen, dass ich hier mit Marburg nur einen Glücksgriff unter all den 0815-Landschaften da draußen gemacht zu haben. Das Gegenteil kann ich erst beweisen, wenn ich noch ein paar Mal umgezogen bin. Falls das in absehbarer Zeit passiert - was aber eher unwahrscheinlich ist - werde ich den Artikel natürlich erweitern. ;)

29. Juli 2015

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